Cortisol (Hydrocortison) - Cortison-Ciba, Hydrocortison Hoechst, Fenistil Hydrocort, Linola cort, Ebenol, Hydrocutan, Soventol Hydrocort©

Klasse: Glucocorticoide

Wirkmechanismus:

genomische und nicht genomische Effekte nach Bindung an den intrazellulären Steroidrezeptor (= ligandenregulierter Transkriptionsfaktor)

Dynamik:

  • Kohlenhydratstoffwechsel:
    • vermehrte Gluconeogenese in der Leber
    • Proteinabbau in der Peripherie zur Bereitstellung von Aminosäuren für die Gluconeogenese
    • Aufrechterhalten eines ausreichenden Blutzuckerspiegels bei unzureichender Nahrungszufuhr
  • Elektrolythaushalt:
    • Natrium- und Wasserretention
    • Kalium-Ausschwemmung
    • hypocalciämische Wirkung: vermehrte Calcium- und Phosphatausscheidung, verminderte Calcium-Resorption
  • Fettstoffwechsel:
    Verstärkung der lipolytischen Wirkung von Catecholaminen und Wachstumshormonen
  • antiinflammatorisch
  • antiallergisch
  • immunsuppressiv
  • Unterdrückung der körpereigenen Cortisol-Produktion über das negative Feedback auf die ACTH-Sekretion

Kinetik:

  • orale, intravenöse Gabe oder lokale Applikation (als Creme, Salbe, Spray)
  • t1/2 = 1,6 h
    Wirkdauer wesentlich länger auf Grund der Proteinsynthese-regulierenden Wirkung
  • renale Elimination
  • ca. 90% im Plasma an Proteine gebunden
  • Umsetzung des aktiven Cortisols in das inaktive Cortison durch die 11β-Hydroxysteroiddehydrogenase (Typ II) in den Aldosteron-empfindlichen Tubulusepithelien der Niere, dadurch wird die mineralocorticoide Wirkung (Natrium-, Wasserretention, Kaliumverlust) von Cortisol unterbunden
  • systemische Therapie:
    • zirkadiane Applikation (Einnahme der Tagesdosis zwischen 6.00 und 8.00 Uhr) vermindert die Gefahr einer Nebennierenrindenatrophie
    • ausschleichende Beendigung der Therapie zur Verhinderung einer lebensbedrohlichen Nebennierenrindeninsuffizienz
    • Dosierung: Cushing-Schwelle bezeichnet die Grenzdosis (ca. 7,5 mg Prednisolon-Äquivalent pro Tag, interindividuell variierend), ab der bei längerer systemischer Therapie mit massiven Nebenwirkungen im Sinne eines iatrogenen Cushing-Syndroms zu rechnen ist.

Anwendung:  

  • Substitutionstherapie bei primärer (= Morbus Addison) und sekundärer Nebennierenrindeninsuffizienz, sowie beim androgenitalen Syndrom
  • akute Nebennierenrindeninsuffizienz mit schwerem Schockzustand
  • allergische Erkrankungen, Notfallmedikation beim Status asthmaticus
  • Hauterkrankungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • entzündlich-rheumatische Erkrankungen
  • chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Morbus crohn, Colitis ulcerosa
  • Hemmung einer Transplantatabstoßung
  • Ödemprophylaxe und Ödemtherapie bei traumatischen Schäden von Hirn und Rückenmark
  • zur beschleunigten Bildung von Surfactant in der Lunge des Fötus bei drohender Frühgeburt

wenn möglich lokale Anwendung, um die gravierenden systemischen Nebenwirkungen zu vermeiden

Kontraindikationen:

  • Hypertous, Herzinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz
  • Diabetes mellitus
  • Osteoporose
  • Myasthenia gravis
  • gastrointestinale Ulcerationen
  • thromboembolische Prozesse
  • Infektionskrankheiten, v.a. Tuberkulose, Pilz- und Virusinfektionen
  • Schwangerschaft (erstes Trimenon)
  • Psychosen
  • Glaukom

Die Kontraindikationen beziehen sich auf lang anhaltende Therapien. Es sind relative Kontraindikationen, die im Risiko-Nutzen-Verhältnis abzuwägen sind.

Nebenwirkungen:

Einmalige Zufuhr sogar hoher Dosen ist nebenwirkungsarm und unbedenklich. Je länger die Therapie dauert, desto massiver sind die Nebenwirkungen. Bei richtig eingestellter Substitutionstherapie treten keine Nebenwirkungen auf.

Nebenwirkungen infolge der

  • antiinflammatorischen und immunsuppressiven Wirkung:
    • erhöhte Infektiongefahr
    • Aktivierung und Ausbreitung von Krankheiten (z.B. Tuberkulose)
    • Wundheilungsstörung
    • Verstärkung von Magen- und Duodenalulcera (Glucocorticoide sind nicht direkt ulcerogen)
  • Wirkung auf den Stoffwechsel:
    • Eiweißkatabolie mit Muskelschwäche und Osteoporose (Frakturneigung)
    • Wachstumshemmung bei Kindern
    • Hautatrophie und Striae
    • Stammfettsucht, Mondgesicht, Stiernacken und Hypertriglyceridämie, da die vermehrt anfallende Glucose für die Triglyceridsynthese verwendet wird
    • „Steroiddiabetes“ bei unzureichender Insulinproduktion
  • mineralocorticoiden Wirkung:
    • Natrium-, Wasserretention mit Hypertonie und Ödemen
    • Hypokaliämie
  • Beeinflussung des Regelkreises:
    • Nebennierenrindeninsuffizienz und -atrophie auf Grund der Hemmung der ACTH-Freisetzung
      Deshalb ist ein ausschleichendes Absetzen der Glucocorticoidtherapie notwendig!
    • Störungen der Sexualhormonsekretion: Menstruationsstörungen, Impotenz
  • zentralnervösen Effekte:
    • Veränderung der Stimmungslage (Euphorie, Depression)
    • Suchtgefahr, Psychosen, Krampfanfälle bei Kindern
  • Sonstiges:
    • Kapillarbrüchigkeit: Petechien, Ekchymosen, Purpura
    • Erhöhung des Thromboserisikos

Nebenwirkungen bei lokaler Applikation:

  • Haut: Steroidakne, Hautatrophie
  • Auge: Glaukom, Katarakt
  • bei Inhalation: Heiserkeit, Candidabefall der Mund- und Rachenschleimhaut

Wechselwirkungen:

  • mit Herzglykosiden: durch Kaliummangel verstärkte Glykosidwirkung
  • mit Saluretika: vermehrte Kaliumausscheidung
  • mit Antidiabetika: verminderte blutzuckersenkende Wirkung
  • mit Cumarinderivaten: abgeschwächte antikoagulative Wirkung
  • mit Rifampicin, Phenytoin, Barbituraten, Primidon: verminderte Corticoidwirkung
  • mit NSAIDs: erhöhte Gefahr für Magen-Darm-Blutungen

Bei primärer Nebennierenrindeninsuffizienz muss zusätzlich ein Mineralocorticoid (z.B. Fludrocortison) substituiert werden.

Bei einer sekundären Nebennierenrindeninsuffizienz besteht ein ACTH-Mangel. Dadurch entsteht ein Cortisonmangel, der mit Cortisolsubstitution behandelt wird. Die Aldosteronsekretion ist nicht betroffen, weil hierbei nicht ACTH, sondern Angiotensin II die Sekretion stimuliert.

Struktur:

Quelle: wikipedia